Der Bauernhofeffekt ist keine neue Erkenntnis: Kinder, die auf einem traditionellen Bauernhof aufwachsen, erkranken seltener an Asthma, Heuschnupfen und Neurodermitis. Was bislang offen bleibt, ist die Erklärung dahinter. Fehlt in der Stadt schlicht die Vielfalt an Mikroben, die das Immunsystem zum Lernen braucht? Sind Kinder wichtigen Keimen nicht ausreichend ausgesetzt?
Eine im Juli 2026 veröffentlichte Studie kommt der Antwort jetzt näher. Die Forscher*innen identifizieren darin bestimmte Bakteriengattungen, die mit einem geringeren Asthmarisiko zusammenhängen. Das klärt die jahrzehntelange Diskussion um den Bauernhofeffekt zwar nicht abschließend. Die Ergebnisse bieten jedoch konkrete Hinweise darauf, welche mikrobiellen Signale künftig für die Präventionsforschung interessant sein könnten.
Ausgangspunkt für die Diskussion um den Bauernhofeffekt ist die sogenannte Hygienehypothese. Der britische Epidemiologe David Strachan formulierte sie 1989 aus der Beobachtung: Wenn Kinder mehrere ältere Geschwister haben, ist ihr Risiko für Heuschnupfen geringer. Daraus entwickelte sich die Annahme, dass frühe Kontakte mit Mikroorganismen die Entwicklung des Immunsystems beeinflussen könnten.
Spätere Konzepte formulieren die Wirkung genauer. Die Old-Friends-Hypothese richtet den Blick auf bestimmte Mikroorganismen, mit denen Menschen evolutionär lange in Kontakt standen. Die Biodiversitätshypothese betont die Vielfalt der Umwelt und des Mikrobioms. Der Bauernhofeffekt beschreibt wiederum den Zusammenhang zwischen dem Aufwachsen im landwirtschaftlichen Umfeld und einem geringeren Risiko für allergische Erkrankungen.
Die Evidenz für die Hypothesen ist begrenzt. Wie das RKI in einer Stellungnahme einordnet, lassen sich aus Beobachtungsdaten keine Kausalzusammenhänge ableiten. Abweichungen zwischen Stadt und Land betreffen nicht nur die mikrobielle Vielfalt. Auch Unterschiede in der Ernährung, der Belastung mit Luftschadstoffen oder im allgemeinen Gesundheitsverhalten können sich auf das Asthma- und Allergie-Risiko auswirken. Tiermodelle mit sogenannten Wildling-Mäusen konnten bislang nicht nachweisen, dass mikrobielle Vielfalt vor Allergien schützt.
Die Hygienehypothese ist damit nicht widerlegt. Als alleinige Erklärung für die Zunahme von Heuschnupfen und Asthma reicht sie aber nicht aus. Umso wichtiger sind Studien, die den Effekt nicht nur beschreiben, sondern die biologischen Mechanismen dahinter analysieren.
Genau hier setzt die aktuelle Studie von Pagani und Kolleg*innen an. Das Forschungsteam analysierte Matratzenstaub von 1.018 Schulkindern aus zwei deutschen Populationen der GABRIELA-Studie. Ergänzend untersuchten die Wissenschaftler*innen Staub aus 47 Kuhställen. Die zentralen Befunde replizierten sie anschließend in unabhängigen PASTURE-Populationen aus Frankreich und Finnland.
Im Mittelpunkt der Studie stehen neun grampositive bakterielle Gattungen aus dem Matratzenstaub. Gemeinsam erklärten diese in der Mediationsanalyse etwa zwei Drittel des beobachteten Zusammenhangs zwischen Bauernhofexposition und Asthma. Statistisch besonders auffällig waren die Gattungen Atopostipes, Romboutsia, Brachybacterium und Glutamicibacter. Die Erkenntnis geht aber noch weiter: Die Forschenden fanden auch eine mögliche Begründung dafür, warum eben jene Bakterien mit dem geringen Asthmarisiko korrelieren.
Die gefundenen Bakterien passen zu Stoffwechselprodukten, die sich an spezifische Rezeptoren menschlicher Zellen binden können. Diese Rezeptoren spielen unter anderem in der Steuerung von Entzündungsreaktionen eine Rolle. Die Bindung könnte dazu beitragen, dass das Immunsystem auf eigentlich harmlose Allergene weniger stark reagiert und allergische Entzündungen seltener oder schwächer ausfallen. Die relevanten Stoffwechselprodukte wiesen die Forscher*innen in den Kuhstallproben nach.
Die Studienergebnisse setzen sich von der bisherigen Forschung zum Bauernhofeffekt ab: Einerseits beschreiben sie eine plausible Kette vom Stallstaub über bakterielle Stoffwechselprodukte bis zu menschlichen Rezeptoren – und damit ein mögliches Wirkmodell des Bauernhofeffekts. Andererseits lenken sie die Forschung in eine neue Richtung. Bislang standen gramnegative Bakterien und ihre Endotoxine im Mittelpunkt. Die Ergebnisse legen jedoch nahe, dass grampositive Bakterien und ihre Metabolite einen wesentlichen Anteil des Zusammenhangs erklären könnten. Studienleiter Markus Ege kommentierte diese Verschiebung rückblickend: „Vielleicht haben wir in die falsche Richtung gesucht.“
Die Studienergebnisse sind für die Forschung zur Allergieprävention wertvoll. Dass einzelne Bakterien Asthma verhindern, ist damit jedoch noch nicht bewiesen.
Kernproblem ist, dass die GABRIELA-Daten querschnittlich erhoben wurden. Sie zeigen, dass Exposition und Erkrankung verbunden sind. Die genaue Ursache ist damit aber nicht sicher. Zudem erlaubt die 16S-Sequenzierung keinen zuverlässigen Rückschluss auf einzelne Arten oder Stämme der Bakterien. Dazu kommt, dass Bakterien der Gattungen UCG.005 und UCG.010 taxonomisch bislang nicht näher eingeordnet werden konnten. Auch wurden metabolische Funktionen teilweise bioinformatisch vorhergesagt. Die Analysen stützten also zentrale Befunde, ersetzen aber keine Interventionsstudie.
Die Forschung muss jetzt klären, welche Stoffwechselprodukte in welchem Entwicklungsfenster wirken, welche genetische Voraussetzungen relevant sind und ob sich ein möglicher Schutzmechanismus sicher nutzen lässt. Erst dann kann aus einer überzeugenden Beobachtung eine belastbare Präventionsstrategie werden.
Die Studie ändert das bekannte Vorgehen in der HNO-Praxis vorerst nicht. Allergische Rhinitis und Asthma sollten weiterhin leitliniengerecht diagnostiziert und behandelt werden. Der Bauernhofeffekt ist kein Anlass, Hygienestandards zu senken oder Kinder gezielt Stallluft auszusetzen. Ebenso wenig ersetzt ein früher Kontakt mit Umweltmikroben eine Impfung oder etablierte Präventionsmaßnahme. Im Gespräch mit Familien kann die Studie daher hilfreich sein. Sie macht deutlich, dass Allergieprävention nicht mit der einfachen Regel „viele Keime, starkes Immunsystem“ funktioniert.
Erst langfristig könnten die Erkenntnisse die Allergieprävention stärken. Sind bestimmte bakterielle Stoffwechselprodukte, ihre Wirkorte und relevante Entwicklungsfenster bestätigt, sind auch gezieltere Präventionsansätze denkbar. Wir verfolgen die Entwicklungen in der Allergieprävention für Sie weiter und ordnen ein, wenn ein Forschungsergebnis im Praxisalltag tatsächlich relevant wird.

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