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Kassenmedizin unter Druck – Erfahrungsbericht von Dr. Christoph Baumbach


DrBaumbach„Wir sind ausgepresst wie eine Zitrone." Mit diesem Satz bringt Dr. Christoph Baumbach auf den Punkt, was viele niedergelassene Ärzt*innen erleben: Der wirtschaftliche Druck auf Praxen ist massiv gestiegen. Der HNO-Arzt aus Düsseldorf-Eller hat darauf reagiert und sein Leistungsportfolio gezielt um Selbstzahlerangebote erweitert. Im Interview berichtet das HNOnet-Mitglied, welche Erfahrungen er damit gemacht hat – und welche Lehren andere HNO-Praxen daraus ziehen können.

 

Dr. Baumbach, Sie haben in der NRZ offen über den wirtschaftlichen Druck gesprochen, der auf Ihrer Praxis lastet. Was hat sich in den letzten Jahren konkret verändert?

Konkret hat sich die Arbeitsbelastung verstärkt, durch das TSVG müssen wir statt 20 Stunden nun 25 Stunden anbieten – inklusive mit 5 Stunden offener Sprechstunde. Dadurch bekommen wir zwar 17,5 Prozent der Patienten in der „offenen Sprechstunde“ extrabudgetär vergütet, aber die restlichen 82,5 Prozent unterliegen weiterhin der Budgetierung. Ein Teil des Gesetzes, das Jens Spahn zur Stärkung der Fachärzte einführte, nämlich die „Neupatientenregel“ , wurde durch Lauterbach schon längst wieder einkassiert.

 

Wann haben Sie begonnen, verstärkt auf Selbstzahlerleistungen zu setzen – und was war der Auslöser dafür?

2012 haben wir mit einigen Kollegen angefangen, Selbstzahlerleistungen einzuführen, uns mit deren Definition und deren Gegenwert zu beschäftigen. Konkreter Grund dafür war, das Fallen des Regelleistungsvolumens von knapp 30 Euro pro Patient und Quartal auf 22 Euro pro Patient und Quartal.

 

Welche IGeL bieten Sie an, und welche werden von Patient*innen besonders gut angenommen?

Ich biete mittlerweile eine sehr große Bandbreite an IGeLn an. Rund 60 IGeL habe ich zusammen mit Kollegen des HNOnet kreiert. Sehr erfolgreich laufen beispielsweise die professionelle Ohrreinigung in Analogie zur professionellen Zahnreinigung, das Durchführen des Epley-/Semontmanövers bei gutartigem Lagerungsschwindel, das Anbieten von Hörgeräten von Auric, kleine operative Leistungen wie die Radioferquenzchirurugie, das Schiessen von Ohrlöchern, Anleitungen wie die Schwindeltherapie, Tinnitus- und Infektprophylaxe, das Durchführen von Akupunktur, die Durchführung der Intratympanalen Kortikoidapplikation (ITC) , die diagnostische Durchführung der subjektiven haptischen Vertikalen bei Schwindel und noch vieles mehr.

 

Wie reagieren Ihre Patient*innen darauf?

In der Anfangszeit gab es sehr viele Vorbehalte. Ich wurde von der KV Nordrhein, der Ärztekammer und den Justiziaren einzelner Krankenkassen angeschrieben und musste Stellung beziehen, auch einzelne Patienten beschwerten sich schriftlich bei mir oder der Ärztekammer.

Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, mit diesen teils auch juristischen Anschuldigungen gut umzugehen. Die Patienten schicke ich manchmal vor Ableistung der IGeL aktiv mit meinem IGeL-Vertrag zur Krankenkasse, um möglichst offen und transparent mein IGeL- Angebot zu zeigen.

 

Hat sich durch die Umstellung auch Ihr Praxisalltag verändert?

Mittlerweile bin ich sehr versiert im Anbieten des IGeL-Angebotes, sowohl bei Annahme als auch – was teilweise wichtiger ist, zu lernen – bei Ablehnung meines IGeL-Angebotes. Im Zeitmanagement, also wenn ich die Patienten bei mir im Arztzimmer habe, hat sich nichts verändert. Aber in der Praxisorganisation musste einiges verändert werden.

In der heutigen Zeit ist es aber auch einfach geworden, gemeinsam mit dem Patienten über die Gesundheitspolitik zu schimpfen, weil Patienten die Einschränkungen im Gesundheitsbereich selbst spüren. 2012 war das Verständnis noch kaum vorhanden.

 

Wie hat sich die wirtschaftliche Situation Ihrer Praxis durch die Selbstzahlerleistungen entwickelt?

Nur durch die Etablierung der Selbstzahlerleistungen als drittes oder viertes finanzielles Standbein komme ich noch in die Gewinnzone. Das hängt auch damit zusammen, dass ich an meinem Standort in Düsseldorf-Eller kaum Privatklientel habe.

 

Welchen Rat würden Sie Kolleg*innen geben, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen?

Die Kollegen müssen sich von Anfang an anders schulen lassen. Es geht nicht nur darum, die HNO-Medizin zu beherrschen, sondern um die Bereitschaft, Leistungen zu verkaufen und Leistungen zu erlernen, die extrabudgetär abgerechnet werden können. Das habe wir in unserer Ausbildung nicht gelernt, es begründet aber den Erfolg als Unternehmer und Selbstständiger mit eigener Praxis.

 

Was müsste sich im System ändern, damit Selbstzahlerleistungen für Sie wieder eine geringere Rolle spielen?

Damit Selbstzahlerleistungen nicht noch essentieller werden, müsste das Regelleistungsvolumen zur Quartalsbehandlung deutlich erhöht werden. Wir bekommen zur Zeit ein Regelleistungsvolumen von circa 25 Euro im Quartal. In der Zeit, in der mein Vater vor mir die Praxis führte ,bekam dieser 100 D-Mark pro Patient und Quartal. Da gab es keine Bevorzugung von Privatpatienten gegenüber Kassenpatienten und keine Selbstzahlerleistungen – aber viele Leistungen wurden extrabudgetär bezahlt!

Wenn die nächste Stufe von Frau Warkens Kürzung der Gesundheitskosten – also das Abschaffen der offenen Sprechstunde und die Abschaffung des ePA-Honorars – startet, dann wird es eine radikalere Reaktion geben als nur das Anbieten von mehr Selbstzahlerleistungen.

 

Hinweis: Am 21. Mai 2026 informiert Dr. Christoph Baumbach in einem Online-Seminar über seine Erfahrungen: Weitere Informationen & Anmeldung

Kassenmedizin unter Druck

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