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Hörgeräte als Lifestyle-Produkt: Je teurer, desto besser?

Ein Hörgerät kann teuer werden – auch für gesetzlich Versicherte. Zwar besteht der Anspruch auf eine ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche Versorgung mit Hilfsmitteln. Bei Hörhilfen sind die privaten Mehrkosten jedoch so hoch wie bei keinem anderen Hilfsmittel. Hörgeräte gibt es technisch wie preislich in einer großen Vielfalt. Was also macht ein Kassengerät aus, wo endet die GKV-Leistung und weshalb reicht das vielen Versicherten nicht?

Patient*innen müssten nicht zuzahlen

Knapp zwei Drittel der privat getragenen Mehrkosten für Hilfsmittel entfielen 2025 auf Hörhilfen, so der aktuelle Mehrkostenbericht des GKV-Spitzenverbands. Das liegt einerseits daran, dass die Mehrkosten bei Hörhilfen pro Versorgungsfall besonders hoch sind. Im Vergleich: Die zweithöchsten Mehrkosten pro Versorgungsfall liegen mit Kranken- und Behindertenfahrzeugen im Durchschnitt bei rund 600 Euro, bei Hörhilfen über 1.600 Euro. Auch führt die Hörgerätversorgung besonders oft, nämlich in 43 Prozent der Fälle, zu Mehrkosten.

Dabei müssten gesetzlich Versicherte nicht zuzahlen: Der GKV-Spitzenverband setzt für die Hilfsmittelversorgung regelmäßig aktualisierte Festbeträge. Die Summe deckt nicht nur die Hörgeräte selbst, sondern auch die Leistungen des Hörakustikerbetriebs. Eine Liste von Kassen- und Premiummodellen gibt es nicht. Welche Geräte ohne freiwillige Mehrkosten angeboten werden können, folgt aus den Verträgen der jeweiligen Krankenkasse und aus der individuellen Anpassung. Festgelegt ist aber, dass in der Beratung wenigstens ein aufzahlungsfreies Gerät gezeigt werden muss.

Kassenmodell oder Premiumgerät: Worauf es ankommt

Aufzahlungsfreie Hörgeräte müssen ein ausreichendes Sprachverstehen im Alltag ermöglichen. Das Hilfsmittelverzeichnis des GKV-Spitzenverbands definiert hierfür Mindestanforderungen. Dazu gehören die digitale Signalverarbeitung, mindestens sechs Kanäle, eine Störschall- und Rückkopplungsunterdrückung sowie mindestens drei Hörprogramme. Reichen diese Anforderungen im Einzelfall nicht für einen messbaren Hörgewinn, muss die Krankenkasse die Kosten auch über den Festbetrag hinaus übernehmen. Das bestätigte das Bundessozialgericht beispielsweise in einem Urteil aus dem Jahr 2025.

Versicherte können sich auch ohne medizinische Notwendigkeit für ein teureres Produkt entscheiden. Eine besonders kleine Bauform, zusätzliche Vernetzungsfunktionen oder andere Komfortmerkmale können dafür ausschlaggebend sein. Erst in diesem Fall tragen Versicherte die Mehrkosten selbst.

Warum die Hörgerätewahl schnell teuer wird

Eine wahrscheinliche Ursache für steigende Mehrkosten ist, dass Hörgeräte zunehmend als ein Lifestyle-Produkt gesehen werden. Durch die Auswahl verschiedener Hörgeräte spielen in der Entscheidung auch Design, Bedienung und digitale Funktionen eine Rolle. Ob diese helfen, bleibt fraglich. Eine Bluetooth-Funktion etwa ist nur dann wirklich eine Hilfe, wenn Patient*innen ein kompatibles Gerät besitzen und die Verbindung sicher bedienen können. Ein besonders kleines Gerät kann diskreter wirken, ist bei eingeschränkter Feinmotorik aber nicht zwingend praktischer.

Schon 2022 kritisierte der Bundesrechnungshof, dass Krankenkassen Versicherte nicht ausreichend vor ungerechtfertigten Mehrkosten schützen. Gerade ältere und hochbetagte Menschen könnten die Angebote häufig nicht ohne Weiteres vergleichen. Der Bundesrechnungshof sprach deshalb die Empfehlung aus, Krankenkassen früher über geplante Versorgungen zu informieren. Auch sollten Hörakustiker*innen die Anpassung von wenigstens einem aufzahlungsfreien Hörgerät nachweisen. Eine Befragung des GKV-Spitzenverbands selbst aus dem Jahr 2019 verdeutlicht die Relevanz einer transparenten Beratung: Wer über die Möglichkeit einer aufzahlungsfreien Versorgung informiert wurde, zahlte im Schnitt 127 Euro weniger. Wurde ein aufzahlungsfreies Gerät tatsächlich angeboten, lagen die Mehrkosten durchschnittlich um 243 Euro niedriger.

Eine neue Versorgung durch bekannte Alltags-Technik?

Hörgeräte als Lifestyle-Produkt zu verstehen, muss die Versorgung nicht schwächen. Seit August 2026 sind in den USA Samsung Galaxy Buds als Hörhilfen zugelassen, so Samsung in einer Pressemitteilung. Die Kopfhörer sind frei verkäuflich und können Erwachsene mit einem leichten bis mittelgradigen Hörverlust unterstützen. Die FDA-Zulassung für die AirPods Pro von Apple liegt für diesen Zweck bereits seit 2024 vor.

Solche Kopfhörer sind vielen Menschen aus dem Alltag vertraut und möglicherweise weniger stigmatisierend als klassische Hörgeräte. Sie bieten Hörtests und individuell einstellbare Verstärkung. Ein Ersatz für die reguläre Hörgeräteversorgung sind diese Systeme nicht: Die FDA-Freigaben gelten nur für die USA. Standard-Kopfhörer ersetzen weder die HNO-ärztliche Diagnostik noch eine fachgerechte Anpassung. Sie können aber die Schwelle senken, sich frühzeitig mit nachlassendem Hörvermögen auseinanderzusetzen.

Ob sich Kopfhörer als Kassenleistung in Deutschland etablieren werden, muss die Zukunft zeigen – eine preisliche Konkurrenz zu klassischen Hörgeräten wären sie allenfalls.

Wie die HNO-Praxis unterstützen kann

Eine medizinisch bedarfsgerechte Hörgeräteversorgung ohne Mehrkosten ist der Regelfall für gesetzlich Versicherte. Ein Gerät, das besonders klein, vernetzt oder neu ist, bringt nicht automatisch einen besseren Hörgewinn.

HNO-Praxen können in der Hörgeräte-Auswahl unterstützen, indem sie den individuellen Bedarf früh herausarbeiten und Patient*innen auf ihren Anspruch auf eine aufzahlungsfreie Versorgung hinweisen. Entscheidend sind Sprachverstehen und die sichere Nutzung des Geräts im Alltag. Erscheint ein höherpreisiges Hörgerät notwendig, sollte sein Zusatznutzen gegenüber aufzahlungsfreien Alternativen nachvollziehbar sein.

Die HNO-Praxis bleibt der Ort für die medizinische Einordnung in einem zunehmend unübersichtlichen Markt. Sie kann helfen, technische Versprechen von einem tatsächlich relevanten Hörgewinn zu unterscheiden, Mehrkosten kritisch zu hinterfragen und bei begründetem Bedarf eine weitergehende Versorgung zu unterstützen. Wie das konkret aussehen kann, lesen Sie auch in unserem Whitepaper „Hörgeräteberatung leicht gemacht“.

Hoergeraete Lifestyle Produkt

Foto: pixabay

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