Vertragsärzt*innen in Deutschland verordnen seit über einem Jahrzehnt konsequent weniger Antibiotika. Dahinter steckt ein echter Bewusstseinswandel, der gerade die HNO-Praxis betrifft. Denn Rhinosinusitis, Otitis media und Tonsillitis zählen zu den häufigsten Verordnungsanlässen. Was sagen die aktuellen Zahlen? Was hat den Wandel angestoßen? Und was bedeutet er für den Praxisalltag?
Eine aktuelle Zi-Studie aus dem Januar 2026, zeichnet ein eindeutiges Bild: Zwischen 2010 und 2019 sank die Verordnungsrate von 559 auf 414 Antibiotika-Verordnungen pro 1.000 gesetzlich Versicherten – ein Rückgang um 26 Prozent. Noch deutlicher fiel er bei Kindern aus. Die Verordnungsrate ging im gleichen Zeitraum bei 2- bis 5-Jährigen um 53 Prozent zurück.
In den Corona-Jahren 2020 und 2021 brachen die Zahlen dann nochmals ein – auf 277 Verordnungen pro 1.000 Versicherte. Als Hauptgrund dafür gilt die deutlich reduzierte Zirkulation respiratorischer Erreger durch die Eindämmungsmaßnahmen der Pandemie. Seit 2023 nähern sich die Werte wieder dem Vor-Pandemie-Niveau an. Das ist allerdings kein Rückfall, denn der Wiederanstieg betrifft vor allem die 6- bis 14-Jährigen und ist durch außergewöhnlich starke Infektionswellen erklärbar. Dazu zählen ausgeprägte Streptokokken-Infektionen und eine starke Häufung von Mykoplasmen-Infektionen bei Schulkindern sowie ein starker Anstieg von Keuchhustenfällen im Jahr 2024.
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Jahr |
Antibiotika-Verordnungen |
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2010 |
559 |
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… |
… |
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2019 |
414 |
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2020 |
305 |
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2021 |
277 |
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… |
… |
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2024 |
426 |
Im europäischen Vergleich bleibt Deutschland damit moderat: 2023 wiesen 23 Länder höhere und nur vier Länder geringere ambulante Verordnungsmengen auf.
Der Rückgang der Antibiotika-Verordnungen ist kein statistischer Zufall. Er spiegelt ein Umdenken wider, das von mehreren Seiten angestoßen wurde.
Ein Rückgang der Antibiotika-Verordnungen ergibt sich auch aus den geltenden Empfehlungen für den Umgang mit typischen HNO-Infektionen. Die im Mai 2025 aktualisierte S2k-Leitlinie „Antibiotikatherapie bei HNO-Infektionen" fasst die wichtigsten Empfehlungen kompakt zusammen. Mit Kurzsteckbriefen wurden die Empfehlungen erstmals auch explizit für Nicht-HNO-Fachärzt*innen nutzbar gemacht. Zentrale Empfehlungen der Leitlinien beinhalten:
Weitere Anpassungen gibt es im Wirkstoffspektrum. Basispenicilline gewinnen an Bedeutung, während breitere Wirkspektren zunehmend hinterfragt werden. Diesen Trend dokumentiert auch die Zi-Studie.
Trotz der positiven Gesamtentwicklung gibt es Punkte, die weitere Anstrengungen erfordern – schließlich liegt die Verordnungen von Reserveantibiotika in absoluten Zahlen inzwischen wieder auf einem ähnlichen Niveau wie vor der Pandemie. Eine Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO) nennt eine Anzahl von 15,7 Millionen Packungen im Jahr 2023. Die Gefahr von Resistenzen ist also keineswegs gebannt. Reserveantibiotika sollten daher strengen Indikationen vorbehalten bleiben. Hier ist weiterhin Zurückhaltung gefragt.
Auch die regionalen Unterschiede bleiben erheblich. Zwischen dem zurückhaltendsten Bundesland (Hamburg: 328 Verordnungen pro 1.000 Versicherte) und dem Spitzenreiter (Saarland: 539/1.000) liegt laut WIdO ein Faktor von über 1,6. Diese regionalen Verschreibungsgewohnheiten kritisch zu hinterfragen, bleibt eine Aufgabe – auch für Qualitätsmanagementsysteme in HNO-Praxen.
„Warum verschreiben Sie mir kein Antibiotikum?" – dieser Satz ist im Alltag vieler HNO-Praxen keine Seltenheit. Patient*innen erwarten bei Erkältungssymptomen, Ohrenschmerzen oder Halsschmerzen oft ein Antibiotikum und empfinden das Nicht-Verordnen manchmal als unzureichende Behandlung. Die souveräne und empathische Aufklärung darüber, warum abwartendes Beobachten und symptomatische Therapie in vielen Fällen die bessere Medizin sind, ist deshalb essenziell wichtig.
Das womöglich noch größte Problem lässt sich allerdings nicht im Versorgungsalltag lösen: Die Pipeline neuer Antibiotika ist ausgetrocknet. In den letzten zehn Jahren kamen laut WIdO-Analyse nur acht neue Antibiotika auf den Markt – ein Bruchteil der mehr als 300 neu zugelassenen Wirkstoffe. Das unterstreicht die Dringlichkeit, die vorhandenen Wirkstoffe durch behutsamen Einsatz zu schützen. Neue Antibiotika zu entwickeln ist aufwendig und wirtschaftlich oft unattraktiv – umso wichtiger ist es daher, dass die bestehenden Antibiotika ihre Wirksamkeit behalten.
Die Zahlen sind eindeutig: Die niedergelassene Ärzteschaft in Deutschland, insbesondere in HNO-Praxen, hat beim Thema Antibiotika einen bemerkenswerten Bewusstseinswandel vollzogen. Weniger Verordnungen, gezieltere Wirkstoffwahl, zurückhaltender Einsatz von Reserveantibiotika und Fluorchinolonen sind echte Fortschritte.
Gleichzeitig bleibt das Verordnungsmanagement bei Antibiotika eine besonders bedeutsame Aufgabe. Die Herausforderungen – von der Patientenkommunikation über regionale Unterschiede bis zur leeren Wirkstoff-Pipeline – machen deutlich: Der Weg ist richtig, aber wir sind noch nicht am Ziel. Denn weniger ist oft mehr, besonders bei Antibiotika.

HNOnet
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