Nasenpolypen sind ein typisches Erkrankungsbild in der HNO-Praxis. Die fachgerechte Beratung und Therapieplanung wird dabei immer komplexer, denn für Patient*innen mit chronischer Rhinosinusitis und Polyposis nasi (CRSwNP) etablieren sich zunehmend verschiedene Behandlungsmöglichkeiten.
Lange Zeit galt die operative Entfernung als Standardtherapie. In den vergangenen Jahren hat sich das Behandlungsspektrum allerdings deutlich erweitert: Moderne OP-Techniken ermöglichen heute ambulante Eingriffe mit besseren Erfolgsraten, gleichzeitig stehen seit 2019 Biologika als medikamentöse Alternative zur Verfügung. Für HNO-Praxen bedeutet das mehr Therapieoptionen, aber auch differenziertere Entscheidungskriterien in der Beratung. Dieser Beitrag beleuchtet die Stärken beider Ansätze: Welche aktuellen Daten zur OP-Effektivität liegen vor? Was wissen wir über Rezidivraten? Und welchen Stellenwert haben Biologika bei Nasenpolypen?
Die operative Entfernung von Nasenpolypen bleibt eine zentrale Therapieoption bei CRSwNP. Die gute Nachricht: Rund 90% der behandelten Patient*innen erleben nach dem Eingriff eine deutliche Besserung ihrer Beschwerden – die OP ist also grundsätzlich eine hochwirksame Lösung. Die Herausforderung liegt jedoch im Langzeitverlauf, denn die Rückfallquote ist nicht zu unterschätzen.
Je nach Studie wird die Rezidivrate zwischen 20% und 50% eingeschätzt. Eine deutsche Studie aus dem Jahr 2024 dokumentierte Rezidivraten von rund 36%. Das erneute Auftreten von Polypen erfolgt dabei in jedem zweiten Fall innerhalb eines Jahres, im Durchschnitt nach 2,4 Jahren. Das erneute Auftreten von Polypen bedeutet aber nicht automatisch, dass sofort eine weitere Operation erforderlich ist. Meist werden die erneut entstandenen Polypen über einen längeren Zeitraum beobachtet oder anderweitig behandelt. Nur etwa 30% der operierten Patient*innen benötigen tatsächlich eine weitere Operation. Entscheidend ist, dass sich die OP-Techniken in den letzten Jahren deutlich verbessert haben. Moderne endoskopische Verfahren tragen dazu bei, sowohl die Primärerfolgsrate zu erhöhen als auch Rückfälle zu reduzieren.
Wie ein operativer Eingriff durchgeführt wird, hängt stark vom benötigten Umfang ab. Bei umfangreicheren Nasennebenhöhlen-Operationen bleiben Patient*innen in der Regel zwei bis fünf Tage stationär im Krankenhaus. Bei weniger stark ausgeprägten Befunden ist der Eingriff oft ambulant möglich. Insgesamt geht der Trend klar zur ambulanten Durchführung. Moderne OP-Techniken, verbesserte Anästhesieverfahren und optimierte Nachsorgekonzepte machen dies möglich. Für Patient*innen bedeutet das mehr Komfort, für Praxen und Kliniken eine effizientere Versorgung.
Wichtig ist dabei, dass die operative Entfernung nur einen Baustein einer möglichen Therapie darstellt. Eine konservative Behandlung mit geeigneten Medikamenten steht zunächst im Mittelpunkt. Hier kommen zum Teil auch Antibiotika zum Einsatz, die allerdings nur gegen bakterielle Infektionen wirken. Bei chronischer Rhinosinusitis spielen jedoch oft andere Faktoren eine Rolle. Eine Dauertherapie mit Antibiotika ist daher bei chronischer CRSwNP nicht zielführend. Die medikamentöse Standardtherapie besteht aus oralen Kortikosteroiden, die eine gute Wirkung zeigen können, aber aufgrund möglicher Nebenwirkungen in vielen Fällen keine Langzeitlösung sind. Bei schwerer oder rezidivierender CRSwNP, die auf die konservative Therapie nicht ausreichend anspricht, ist die operative Sanierung daher oft die bessere Wahl – oder zunehmend: der Einsatz von Biologika.
Mit der Zulassung von Biologika durch die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat sich seit 2019 eine neue Behandlungsoption für Patient*innen mit schwerer, rezidivierender CRSwNP etabliert. Dupilumab war 2019 das erste in Deutschland zugelassene Biologikum, inzwischen sind mit Omalizumab und Mepolizumab, sowie das erst jüngst zugelassene Tezepelumab weitere Wirkstoffe verfügbar
Der entscheidende Unterschied zur OP: Biologika greifen gezielt in die Typ-2-Inflammation ein, die bei rund 80% aller CRSwNP-Patient*innen die zugrunde liegende Ursache darstellt. Während die Operation Polypen mechanisch entfernt, adressieren Biologika die immunologischen Mechanismen der Erkrankung. Sie können daher eine wertvolle Alternative zu wiederholten chirurgischen Eingriffen darstellen. Grundsätzlich kommen Biologika allerdings nur unter strengen Auflagen in Frage. Dazu kann eine vorherige Nasennebenhöhlen-OP zählen. Wichtig ist, dass Biologika nur zusätzlich im Sinne einer „Add-on-Therapie“ verordnet werden dürfen, also parallel zur Therapie mit topischen Kortikosteroiden. Zusätzliche Faktoren wie Rezidivpolypen nach OP, Asthma bronchiale oder Nachweis einer Typ-2-Inflammation unterstützen die Indikation. Für genauere Informationen steht HNOnet-Mitgliedern im Login-Bereich das Whitepaper "Sichere Verordnung von Biologika bei Polyposis nasi" zur Verfügung.
Die Behandlung von Nasenpolypen ist keine Entweder-oder-Entscheidung mehr. Moderne OP-Techniken liefern sehr gute Erfolgsraten bei 90% der Patient*innen – allerdings mit Rezidivraten von 20-50%. Biologika setzen an der immunologischen Ursache an und können insbesondere bei schwerer, rezidivierender CRSwNP oder Rezidivpolypen nach OP eine wirksame Alternative sein – zusätzlich zur medikamentösen Standardbehandlung. Die zentrale Frage in der Praxis lautet deshalb nicht mehr "OP oder Medikament?", sondern: Welche Therapie passt zu diesem individuellen Krankheitsbild? Schweregrad, Rezidivrisiko, Komorbiditäten wie Asthma und Patientenpräferenz sollten die Entscheidung leiten – unterstützt durch fundierte Aufklärung über alle in Frage kommenden Optionen.

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